„Israel und der Gazakrieg“

05.03.2024 | Allgemein

Vortrag von Professor Dr. Johannes Becke, Ben-Gurion-Lehrstuhl für Israel- und Nahostfragen an der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg, am 20. Januar 2024 im Burghaus Bielstein.

Veranstalter: Freundeskreis Wiehl/Jokneam e.V.

In der Einladung zum Vortrag hatte die Vorsitzende des Freundeskreises Wiehl/Jokneam, Judith Dürr-Steinhart, noch einmal an den Besuch einer größeren Gruppe von israelischen Freunden aus Jokneam im Juni/Juli 2023 und die zehn schönen, gemeinsam verbrachten und verbindenden Tage mit einem vielfältigen Programm erinnert, an den Empfang im Wiehler Rathaus, die gemeinsame Schabbat-Schalom-Feier im evangelischen Gemeindehaus, den Besuch der BWO-Werkstätten in Faulmert, von Schloss Homburg/Nümbrecht und Schloss Burg im Bergischen Land und der Konrad- Adenauer-Ausstellung im Museum in Rhöndorf, den Ausflug zum Drachenfels mit herrlichem Blick ins Rheintal, die 3-tägige Dresden-Fahrt und das Abschiedsfest in der Bielsteiner Burg.

In scharfem Gegensatz dazu stehe die derzeitige Situation in Israel und Gaza, der Gazakrieg. Er sei Anlass der Vortragsveranstaltung.

Der Großangriff der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 mit 1200 grausam ermordeten Zivilisten, tausenden Verletzten und 240 in den Gazastreifen verschleppten Geiseln habe den Gazakrieg ausgelöst und alles verändert, mit enormen Auswirkungen auch auf deutschen Straßen, die deutsche Gesellschaft und Politik, wobei die gegenwärtige Entwicklung des deutschisraelischen Verhältnisses zu Ungunsten Israels deutlich sichtbar geworden sei: Auf riesigen propalästinensische Demonstrationszügen seien hasserfüllte antisemitische und antiisraelische Parolen skandiert worden, während die Demonstrationen der Israelunterstützer deutlich kleiner ausfielen. Als möglichen Grund führte die Vorsitzende – den israelisch-deutschen Pädagogen und Publizisten Meron Mendel zitierend – an, dass angesichts des andauernden Konflikts mit den Palästinensern und ohne Aussichten auf eine tragfähige Friedensordnung sowie angesichts der erstarkenden nationalistischen und rechtsextremistischen Kräfte in der israelischen Politik und Gesellschaft die hochgepriesene Verbundenheit zwischen Israelis und Deutschen für Letztere immer weniger attraktiv zu sein scheine. Es scheine hier eine Kluft zwischen (tendenziell proisraelischer) Elite und (tendenziell antiisraelischer) Bevölkerung zu liegen. Auf der einen Seite gehörten Solidaritätsbekundungen zum guten Ton der deutschen Politik, andererseits zeigten Studien, dass die Sympathie für Israel in der Bevölkerung sinke und israelbezogener Antisemitismus Konjunktur hätten…. Ein weiterer Grund für die breite und emotionsgeladene Unterstützung der palästinensischen Sache auf deutschen Straßen [und in Deutschland überhaupt] dürfte sein, dass die deutsche Gesellschaft immer diverser werde – inzwischen habe ein Viertel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, viele [Migranten] stammten aus islamisch geprägten Ländern, in denen ein negatives Israelbild vorherrsche. (Meron Mendel. Über Israel reden, S. 31 ff).

 Die Vorsitzende schloss ihre Begrüßung und Einführung mit den Worten: „Um zu verstehen, warum Frieden zwischen Israelis und Palästinensern so schwer herzustellen ist, braucht es mehr Wissen, Aufklärung und Kenntnis der geschichtlichen Zusammenhänge“. Die Veranstaltung diene dem Zweck, zur Versachlichung der aufgeheizten Debatte und zur Entwicklung einer differenzierten Sichtweise und Betrachtung des Konflikts beizutragen. Daher bitte sie Professor Dr. Becke nun um seinen Vortrag.

Professor Becke gab den Zuhörern zunächst einen Überblick über die Essentials seines Vortrags:

1. Was geschah am 7. Oktober?
2. Wer ist die Hamas?
3. Wie antwortet Israel auf das Massaker?
4. Szenarien für die Zukunft

1. Als erstes wurde die Beispiellosigkeit des Hamas-Angriffs hervorgehoben: Im Unterschied zu früheren Anschlägen – Bombenanschläge auf Busse, Raketenbeschuss, Tunnelangriffe – sei dieser Anschlag im Stil des IS, des Islamischen Staates ausgeführt worden, d.h. mit einer großen Anzahl von Kämpfern in Konvois, einer systematischen Inszenierung grausamer Angriffe auf Frauen, Kinder, ältere Menschen, der Schändung von Leichen, Anwendung sexueller Gewalt, der hohen Anzahl von Geiseln, mit einer Medienkampagne zur propagandistischen Darstellung von Kriegsverbrechen.

Ziel und Vorgehensweise der Hamas –Terroristen („al-Aqsa-Flut“): Die Terroristen hätten mit dem Ziel, möglichst viele Zivilisten zu massakrieren und Geiseln zu nehmen, gezielte Angriffe auf das israelische Grenzsystem verübt, Kameras und ferngesteuerte Schussanlagen eingesetzt und Grenzübergänge und Militärposten nahe der Grenze angegriffen. Über einen Tag lang seien ca. 3.000 Hamas-Terroristen (Inghimasi=Immersions- oder Schocktruppen) durch die Kibbuzim gestreift, hätten Zivilisten, Sicherheitspersonal und Soldaten bis nach Beersheva, also weit ins Land hinein attackiert. Die Reaktion der israelischen Armee sei unfassbar langsam und unorganisiert gewesen, sodass es Privatinitiativen zur Rettung der Angegriffenen gegeben habe, Großväter sich mit ihren Autos aufgemacht hätten, um ihre Enkel zu retten.

Wieso traf der Angriff Israel unerwartet, wieso war niemand auf ihn vorbereitet? Ähnlich wie vor dem Jom–-Kippur-Krieg lag es an der Unterschätzung des Feindes („Mechdal“=Versehen. Obwohl die Hamas ihre Angriffspläne offen verkündet habe, sei die israelische Regierung dem Irrglauben erlegen, die Hamas mit katarischem Geld gekauft und ruhiggestellt zu haben. Warnungen seien ignoriert, Sicherheitskräfte in den Kibbuzim am Gazastreifen miserabel ausgestattet. Das Vertrauen in die teure Grenzanlage erwies sich als verfehlt, sie wurde binnen Minuten überrannt, denn die israelische Armee durch die Wahrnehmung polizeilicher Aufgaben in den besetzten Gebieten gebunden, große Teile der Gaza-Divisionen seien als Militärpolizei im Westjordanland stationiert. Ein weiterer Grund liege im Regierungsversagen der 6. Netanjahu-Regierung, die schon im Vorfeld des von außen kommenden Terrorangriffs durch Einbeziehung inkompetenter Rechtsextremisten, systematische Attackierung der politischen und militärischen Elite sowie ihre Angriffe auf die liberaldemokratischen Institutionen des Staates massenhaften Widerstand (Massendemonstrationen) im ganzen Land und ein beispielloses inneres Chaos provoziert habe. Der Hamas-Terror sei auf die Erosion politischer (Verfassungsgericht) und militärischer Institutionen gefolgt und habe auch die Torpedierung der israelisch-saudischen Annäherung zum Ziel gehabt, fasste Professor Becke zusammen. Inzwischen sei es zur Bildung einer Querfront aus palästinensischer Diaspora, Islamisten und „progressiver Linker“ gekommen, die das Massaker der Hamas feiere und gegen das Recht der Israelis auf Selbstverteidigung mobilisiere. Palästinensische Solidaritätsgruppen erklärten Israel zum Alleinschuldigen, zum Apartheitsregime, sie forderten, den „Genozid“ der Palästinenser zu stoppen: STOP THE GENOCIDE IN GAZA

2. Wer ist die Hamas?

Professor Becke kennzeichnete die Hamas als eine Organisation mit hybrider Struktur:

  • Wohlfahrtsorganisation
  • seit 2007 Regierungspartei im Gazastreifen
  • eine militärisch-militante Organisation (Qassam-Brigaden), die in zahlreichen Ländern als Terrororganisation eingestuft ist, etwa in der EU, Israel, Japan, in Ägypten, wo sie als Ableger der verhassten Muslimbruderschaft gilt.

Ihr Ziel sei die Befreiung Palästinas, ihre Kampfparole laute entsprechend der Hamas-Charta: „From the River to the Sea, Palestine will be free“! Das Ziel verfolge sie mit den Mitteln der Gewalt: Militärischen Aktionen, Entführungen, Selbstmord-Anschlägen (40 % während der 2. Intifada), über 20.000 Raketen seit 2001, mit über 500 Opfern in über 400 Anschlägen von 1993 bis zum 7. Oktober 2023. Die Hamas werde finanziell massiv von Iran und Syrien (seit 2006) gefördert.

Professor Becke präsentierte die Hamas-Charta von 1988, in der es heißt:

„Die Muslime müssen gegen die Juden kämpfen und sie töten, denn Palästina ist ein islamisches Waqf-Land…bis zum Tag der Auferstehung. Weder das Land noch ein Teil von ihm darf aufgegeben werden, es darf unter keinen Umständen darauf verzichtet werden…Die Juden häufen materielle Reichtümer an, erlangen dadurch die Kontrolle über die internationalen Medien, haben Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt ausgelöst (z.B. frz. Revolution, kommunistische Revolutionen), um ihre Interessen zu verwirklichen und Gewinn zu erzielen.“

3. Israels Antwort auf das Massaker

…sei die gezielte Bombardierung der Hamas, die sich systematisch in zivilen Einrichtungen wie Schulen, und Krankenhäusern verstecke und auf diese Weise die Zivilbevölkerung als Schutzschild benutze, und die Zerstörung ihrer Infrastruktur (u.a. die Tunnelsysteme). Es gebe rund 200 israelische Gefallene und lt. dem Hamas-geführten Gesundheitsministerium 24.000 palästinensische Tote, davon vermutlich über 40 % Kombattanten (zur Zeit des Vortrags am 20.01.2024). Israel rufe die Zivilbevölkerung auf, den Norden des Gazastreifens wegen der Bodenoffensive gegen die Hamas zu evakuieren. Den israelischen Streitkräften sei es gelungen, die Hauptraketenanlage und das Waffenlager der Hamas im Zentral-Gazastreifen zu zerstören.

Zur Abschreckung gegen die Hisbollah hätten die USA Flugzeugträger vor der israelischen Küste.

Aufgrund unverantwortlicher Aussagen von israelischen Regierungspolitikern müsse Israel sich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag, angeklagt von Südafrika, gegen den Vorwurf des „Völkermords“ verteidigen. Inzwischen seien 105 Geiseln gegen 240 palästinensische Gefangene freigekommen, 136 israelische Geiseln seien weiterhin in der Gewalt der Hamas.

Iran mobilisiere seit dem 7. Oktober unterschiedliche Milizen und Terrororganisationen gegen israelische und westliche Ziele: die Hamas in Israel, Gaza und Westjordanland, die Hisbollah mit Angriffen aus dem Libanon auf Nordisrael (18. Januar 2024) und die jemenitischen Huthis mit Attacken auf die Handels-Schiffahrt im Roten Meer, sodass auf längere Routen ausgewichen werden müsse. Die Hauptverantwortlichen für all dies seien Iran und Qatar. Irans regionale Stellvertreterkräfte im Libanon, in Syrien und im Irak bildeten zusammen mit Iran eine Landbrücke über den gesamten Nahen Osten, ein Netz von hauptsächlich schiitischen Verbündeten, die die Einstellung vereine: „Allah ist groß, Tod für Amerika, Tod für Israel, Fluch allen Juden, Sieg dem Islam“!

Iran und Saudi-Arabien, das mit Israel ein Annäherungsabkommen schließen wollte, seien Feinde.

 4. Szenarien für die Zukunft

Auf die Frage nach einem Ausweg aus dieser zerrütteten Situation präsentierte Professor Becke folgende Zukunfts-Szenarien:

Szenario 1: Vollständiger Sieg über die Hamas, analog zum vollständigen Sieg über den IS in der Schlacht um Mossul im Jahr 2017 mit 1000 Gefallenen auf Seiten der Allianz aus irakischer Armee und kurdischen Peschmerga, 15.000 Gefallenen auf Seiten des IS, 10.000 getöteten Zivilisten von 1,5 Mio. Bevölkerung, 600.000 geflüchtete Zivilisten. Aber: Wer soll Gaza anschließend regieren?

Szenario 2: Die Hamas und ihre Anführer, z.B. Yahia Sinwar, gehen ins politische Exil (-aber wo und bei wem?-) wie seinerzeit die Führung der PLO nach der Intervention Israels im libanesischen Bürgerkrieg, als es zur Allianz gegen die PLO kommt und die politische Führung nach Tunis ins Exil ging – bis zum Oslo-Friedensprozess 1993. Unklar sei, wohin Sinwar und seine Gefolgschaft gehen könnten und ob sie jemand aufnehmen wolle.

Szenario 3: Übernahme der Kontrolle über Gaza durch multinationale Kräfte z. B. aus den Golf- Monarchien als Alternative zur israelischen Kontrolle. Dagegen spreche die schlechte Erfahrung im Libanon, wo die multinationalen Kräfte nach einem verheerenden Selbstmordanschlag mit 300 Toten das Land verließen. Auch im Gazastreifen wären ausländischen Streitkräfte massiv gefährdet.

Szenario 4: Zurück nach Oslo, wo als Antwort auf die Gewalteskalation in der ersten Intifada ein Friedensprozess in Gang kam mit dem historischen Kompromiss zwischen Israel und der PLO, der den Rückzug Israels aus den größten palästinensischen Städten und das Zugeständnis unterschiedlicher Formen der Autonomie an die Palästinenser in einer Übergangsphase zu einer Zwei-Staaten-Lösung beinhaltete, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Könnte die Gewalteskalation im aktuellen Gazakrieg ähnlich wie 1993 in Oslo möglicherweise zu einer neuen Verhandlungsrunde führen?

Im Anschluss an den Entwurf der einzelnen Szenarien lenkte Professor Dr. Johannes Becke die Aufmerksamkeit der Zuhörer noch einmal auf die Haltungen und Vorstellungen des palästinensischen Lagers davon, wie es weitergehen soll und wie realistisch Hoffnungen auf eine friedliche Lösung des Konflikts sind. Er bezog sich dabei auf Meinungsumfragen – differenziert nach Palästinensern in Gaza, Westbank und insgesamt – mit verschiedenen Fragestellungen.

Es zeige sich, dass mit zunehmender Kriegsdauer die Bereitschaft zu Verhandlungen und friedlichem Protest abnehme, stattdessen die Befürwortung des bewaffneten Kampfes als Mittel der Wahl stark ansteige. Meinungsumfragen hätten ergeben, dass die große Mehrheit der Palästinenser die Offensive der Hamas gegen Israel für richtig halte, trotz der Ereignisse danach. 95 % der Palästinenser seien der Meinung, dass Israel im Gazastreifen Kriegsverbrechen begangen habe, nur 10 % sähen dies für die Hamas. Eine Mehrheit wünsche sich, dass die Hamas nach Kriegsende in Gaza weiterregiert und kontrolliert, dies gelte allerdings nicht für die Bevölkerung im Gazastreifen selbst (hier nur 38 %). Weit abgeschlagen in der Zustimmung sei die Regierung der palästinensischen Autonomiebehörde unter Abbas und Stayyeh.

Anschließend stand Professor Becke für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung, auf die er mit großer Sachlichkeit und Ruhe einging. Dafür und für den ausgezeichneten und fundierten Vortrag dankten ihm das Publikum und die Vorsitzende im Namen des Freundeskreises mit großem Applaus.

Im Anschluss an die Veranstaltung konnten die Besucher noch von dem Angebot Gebrauch machen, sich ein Video anzusehen, das die israelische Partnerstadt Jokneam für den Freundeskreis erstellt hatte, um über die derzeitige Situation in Jokneam und in Israel überhaupt zu berichten.

Ein besonderer Dank gilt der Stadt Wiehl, die den Raum und die Veranstaltungstechnik zur Verfügung stellte.

jds.