Ein Bericht von Martin Baur-Lichtenstein (Schriftführer des Freundeskreises)

Andrea Livnat führt durch die Veranstaltung mit einem umfassenden Einblick in die aktuelle Lage in Israel

Einen Tag nach der Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der Shoah stand an diesem Abend das Thema „Israel im Jahr 2026“ auf dem Programm. Unter dieser Überschrift beschrieb auf Einladung des Freundeskreises Wiehl-Jokneam die deutsch-israelische Historikerin und Journalistin Dr. Andrea Livnat Zustand von und Entwicklungen in Politik und Gesellschaft in Israel, wo sie seit über 20 Jahren lebt. Frau Livnat ist bekannt als Herausgeberin des Internetportals www.haGalil.com.

 Zunächst begrüßte Judith Dürr-Steinhart als Vorsitzende des Freundeskreises  in ihrer Anmoderation den stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Wiehl, Herrn Sören Teichmann, der auch ein Grußwort sprach, sowie die beiden Ehrenvorsitzenden des Freundeskreises, Iris und Gerhard Hermann. Inhaltlich ging sie dann auf den auch in Deutschland wachsenden Antisemitismus im Gefolge des 7. Oktober ein und erwähnte die zurückgehende Israelsolidarität vor Ort. Als Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, verwies sie auf das Aufrechterhalten von bzw. das Bemühen um Begegnungsmaßnahmen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Mitbürgern auf der Ebene von Schulen und Städtepartnerschaften unter dem Leitmotiv „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ von Martin Buber.

 Zum Einstieg ihres Vortrages ging Frau Livnat auf Ereignisse  rund um die Verteidigungskriege Israels gegen die Terrorgruppe der Hamas und das iranische Regime im abgelaufenen Jahr 2025 ein, unterfüttert von Grafiken, Fotos und kurzen Videos: Von der Hamas verwüstete Kibbuzim, von iranischen Raketen zerstörte Straßenzüge, Geiselübergabe-“Zeremonien“, erstes Wiedersehen mit Familienangehörigen… Dabei wurde den Zuhörenden deutlich gemacht, wie prägend und bestimmend der – derzeit ruhende – Krieg mit der Hamas für die Menschen in Israel in ihrem Alltag weiterhin ist.

Auch das Jahr 2026 wird nach Einschätzung der Expertin die israelische Gesellschaft herausfordern. Neben der Ungewissheit, wie es mit dem Problemfeld Gaza weitergehen wird, bestimmen große und teilweise dramatische innenpolitische Auseinandersetzungen die Tagesordnungen. So erwähnte Frau Livnat explizit das Agieren von Itamar Ben Gvir, des Ministers für Nationale Sicherheit, in Bezug auf dessen Werbung zur Wiedereinführung der Todesstrafe für Terroristen, die für Araber, nicht aber für Juden gelten soll. Daneben sei er ein konsequenter Unterstützer der „Hügeljugend“, einer rechtsradikalen und teilweise gewalttätigen Siedlergruppierung. Zu der ungelösten Frage, wie es im Konflikt mit der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland weitergehen soll, kämen noch die Bestrebungen der amtierenden Regierung, die Unabhängigkeit von Justiz und Medien einzuschränken. Gleichwohl sei der Ausgang der für Oktober geplanten nationalen Wahlen derzeit völlig offen.

Im sich anschließenden Dialog mit der Zuhörerschaft erklärte Frau Livnat auf entsprechende Fragen, die Mehrheit der israelischen Gesellschaft sei – insbesondere durch das Trauma des 7. Oktober – weitgehend müde und desinteressiert an politischen Initiativen zu einer Zweistaatenlösung. Umso wichtiger seien zivilgesellschaftliche Initiativen in Israel und ihre Unterstützung von außen. Und was die palästinensische Seite betrifft, müsse hier unbedingt das Problem des jahrzehntelangen Antisemitismus angegangen werden: Als erster Schritt eine Neufassung der Schulbücher und im Gazastreifen eine Art „Entnazifizierung“ der Bevölkerung, um endlich von der mörderischen Judenfeindschaft loszukommen.

So blieben den Gästen auf ihrem Nachhauseweg neben einem gewachsenen Verständnis für die Befindlichkeit der israelischen Bevölkerung viele interessante Erkenntnisse im Kopf und die Einsicht, wie hochkomplex der Nahostkonflikt ist. Eine einfache Lösung ist weiterhin nicht in Sicht.