Vortrag: BDS – Antisemitismus im neuen Gewand?

01.10.2022 | News

Warum ein Vortrag mit dem Thema „BDS – Antisemitismus in neuem Gewand?“

Ein starker Auslöser für die aktuelle Antisemitismus-Debatte und die damit zusammenhängende Debatte über die Rolle der BDS-Bewegung war die documenta fifteen2022. 

Die Vorgänge um diese documenta führten zu einem regelrechten Antisemitismus-Eklat, der wochenlang die Berichterstattung, Debatten und Schlagzeilen in den Medien beherrschte und schließlich sogar vom Deutschen Bundestag aufgegriffen wurde. Das Thema hatte und hat also gesamtgesellschaftliche Relevanz. 
Die BDS-Bewegung wird allgemein mit Israelkritik und sich dahinter verbergendem Antisemitismus assoziiert. Diesbezüglich hat der Freundeskreis ein besonderes Interesse an Information, denn er hat sich der Förderung der deutsch-israelischen Freundschaft und der Völkerverständigung verschrieben.
Durch den Vortrag von Prof. Doron Kiesel wurde den Mitgliedern die Gelegenheit geboten, sich über die Schlagzeilen hinaus intensiver und gründlicher über das Thema zu informieren und mit ihm zu befassen. 

Bericht von Dr. Peter Hühn: Vortrag Prof. Doron Kiesel, am 29.09.2022 in Wiehl
Der Freundeskreis Wiehl-Jokneam hatte am 29. September diesen Jahres Mitglieder und interessierte Bürger zu einem Vortrag zum Thema: „BDS – Antisemitismus im neuen Gewand“ eingeladen. Dieser fand in den Räumen der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Wiehl-Hüttenstraße statt, die dankenswerterweise den Raum zur Verfügung gestellt hatte. Der Freundeskreis hatte zu dem Vortrag Professor Doron Kiesel gewinnen können. Professor Kiesel ist wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrates der Juden und Professor für Interkulturelle und Internationale Pädagogik an der Universität zu Erfurt und war schon öfter ein gern gesehener Gast des Freundeskreises.
 
In einer kurzen Begrüßung hob die Vorsitzende Judith DürrSteinhart hervor, dass ein Vereinsziel des Freundeskreises neben der Pflege der deutsch-israelischen Freundschaft auch die Förderung von Toleranz zwischen Völkern und Kulturen sei und deshalb auch das Thema „Antisemitismus“ und dessen Bekämpfung in unserer Gesellschaft für den Verein ein sehr wichtiges.


„Eigentlich haben wir aktuell größere Themen auf dieser Welt“ begann Kiesel. Das Thema sei überraschenderweise in Israel selbst von geringer Relevanz als außerhalb. Relevant sei das Thema aber sehr wohl, weil hier ein besonderer Blick auf Israel geworfen werde. Kritik an Israel und an dem Umgang mit seinen palästinensischen Nachbarn sei dabei immer legitim und der Diskurs in Israel würde dazu selbst sehr offen und kontrovers geführt. Wichtig sei aber die Form der Kritik. Es gäbe demokratische Spielregeln des Diskurses von der wohl die wichtigste die Anerkennung des Existenzrechtes des jeweils anderen sei. Wenn das nicht gegeben wäre, würden diese Spielregeln verlassen.

Der Ursprung der „Sammelbewegung“ BDS läge in der Kritik an der Besatzungspolitik Israels aus diversen arabischen Organisationen. Auch diese Kritik gäbe es vielfältig und weltweit. Kiesel erinnerte an die jüngste Rede des israelischen Ministerpräsidenten vor der UN-Vollversammlung, in der er für eine Zweistaatenlösung in Palästina plädierte. Dieses würde in konservativen israelischen Kreisen weitgehend abgelehnt. Zu diesem Thema gäbe es in der israelischen Gesellschaft eine sehr lebendige Auseinandersetzung. Letztlich gäbe es aber auch in Israel noch keinen Plan, wie die bestehende Problematik gelöst werden könnte: einem großen multikulturellen und -religiösen israelischen Staat oder aber zwei Staaten mit einer jüdischen Mehrheit in Israel.

Israel sei aus zwei wesentlichen Gründen zum Objekt dieser Sammelbewegung geworden:

Zum einen sähe man in der Neugründung Israels auf dem ehemals britischen Mandatsgebiet eine „koloniale Bewegung“. Zum anderen zeichne sich der neu aufgebaute Staat unter anderem durch seine sehr enge Bindung an ein weiteres Feindbild aus: den USA als „Gallionsfigur eines kapitalistischen und imperialen Feldzugs“.  Auch die Besetzung großer arabischer Gebiete im Rahmen des sogenannten „6-Tage-Krieges“ 1967 sei ein wesentlicher Auslöser, wobei auch verschwiegen würde, dass nicht Israel diesen Krieg begonnen hätte. Dabei sei der danach entstandene Status für die 2-3 Millionen Palästinenser, die auf diesem Gebiet lebten, sicher problematisch, so dass man auch mit so einer Kritik leben könne.

Aber – so Kiesel weiter – die Repräsentanten dieser Bewegung würden nie fragen, warum Juden eigentlich nach Palästina eingewandert seien. Das würde niemals thematisiert, weil es der Ideologie des BDS, dass die israelische Besatzung Ausdruck eines rassistisch-kolonialen Prozesses mit dem Ziel sei, die palästinensische Bevölkerung zu unterwerfen und deren Kultur zu zerstören, widerspräche.

Für die Menschen, die die Schrecken des Holocausts überlebt hätten, sei die Gründung des Staates Israel ein Akt der Befreiung im Angesicht einer völligen Aussichtslosigkeit in ihrer alten Heimat gewesen. Das Geschehen des Holocausts während der Zeit des Nationalsozialismus, dass ja nicht nur auf Deutschland begrenzt war, hätte die Hoffnung der Juden auf eine gleichberechtigte Koexistenz auch in Ländern zerstört, von denen man dieses nicht erwartet hatte. So hätte es als Beispiel die größte nationalsozialistische Partei in den Niederlanden gegeben, die sicher als „aufgeklärte Nation“ gegolten habe. Auch in Osteuropa sei den Juden historisch immer mit Misstrauen begegnet worden.
 
So wäre – gemäß Theodor Herzl, dem Hauptbegründer des politischen Zionismus – nur die Möglichkeit eines neuen Gemeinwesens in Palästina geblieben, um den Juden einen Ort zu geben, an dem man seine eigene Kultur leben und seine Lebensweise durchsetzen konnte.

Europa, zu der Zeit noch stark kolonial geprägt, hätte dazu als Ort nicht mehr zur Verfügung gestanden. So war die Flucht der Juden eher eine Flucht vor einer so empfundenen „Kolonisierung“ aus ihrer alten Heimat. Natürlich sei auch einzuräumen, dass diese Flucht nach Palästina auf dort lebende Menschen traf, die damit nicht einverstanden waren und dem dadurch entstandenen Leid. „Aber“ so Kiesel: „es gab keine andere Lösung!“.

Die Vertreter des BDS reflektierten diese Umstände und Hintergründe nicht, sondern hier versammelten sich Menschen mit durchaus unterschiedlichen Hintergründen und Motivationen, die explizit gegen Israel aber auch die Juden seien. Kiesel zitiert unter anderen die Worte eines bekannten BDS-Repräsentanten, die Besetzung zu beenden bedeute nichts, wenn sie nicht auch die Beendigung des jüdischen Staates bedeute.
Eines würden die Vertreter des BDS aber nicht machen: Sie riefen nicht zu gewaltsamem Widerstand auf. Ihre Methoden seien subtiler. BDS stände für „Boycott, Divestment, Sanctions“ („Boykott, Deinvestitionen und Sanktionen).  Dabei erinnerte vieles an die Mechanismen, die mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft nach und nach zur Ausgrenzung, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Zerstörung des jüdischen Lebens in Deutschland führten. „Deinvestment“ bedeute, dass z.B. auf Firmen Druck ausgeübt würde, wenn sie Beziehungen zu Israel oder den besetzten Gebieten haben, diese aufzugeben. Ziel sei eine Isolierung und Ausgrenzung Israels auf sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene. Dabei sei auffällig, dass die Bewegung gerade auch im universitären Umfeld Resonanz fände. Auch in Deutschland, mehr noch z.B. in den Vereinigten Staaten und Großbritannien gäbe es im akademischen Umfeld Anhänger, die so Kiesel durch Schlagworte wie „Rassismus, Kolonialismus“ und die vermeintlich einseitige Opferrolle der palästinensischen Seite angelockt würden. Natürlich gäbe es Opfer, aber eben auf beiden Seiten, so Kiesel.

Letztlich sei der BDS aber in seinen Bemühungen Israel zu isolieren und „auszutrocknen“ gescheitert. Israel sei in vielen Punkten sehr erfolgreich und gut vernetzt, mittlerweile würden sogar mit den meisten arabischen und islamisch geprägten Staaten Beziehungen bestehen. Aber die Grundhaltung des BDS würde viele Menschen 
um die Chance bringen, die hochkomplexe Situation in Palästina zu verstehen und eine auf friedlichen Grundlagen und Kompromissen beruhende Lösung des palästinensisch-israelischen Problems zu unterstützen. 
Damit endete Kiesel mit seinem Vortrag, um danach eine intensive Fragerunde und Diskussion zu eröffnen.
 
In Deutschland, so eine Frage, wäre der BDS nicht so prominent und offensichtlich vertreten, wie das z.B. in den angelsächsischen Ländern der Fall wäre. So gäbe es hier keine offiziellen Strukturen und offensichtlichen Vertreter. Sehe man aber genauer hin, gäbe es in vielen Parteien und Organisationen und auch in den Medien einzelne Vertreter, die im Hintergrund Einfluss nähmen. 

Auch der Einfluss in den Kirchen fand Eingang in die Diskussion. Offenbar sei ein latenter Antisemitismus bei vielen Menschen vorhanden und böte einen Nährboden für Meinungen wie die des BDS. Ein Teilnehmer berichtete von sehr guten Freunden, die unerwartet offen antisemitische Meinungen zeigten. Ein Verschweigen würde hier nicht weiterhelfen, so Kiesels Antwort: „Freunde müssten auch unterschiedliche Meinungen und Konflikte ertragen können. Es lohne sich zu kämpfen und solchen Ansichten zu widersprechen“. 

Diese Wort
e bestärken auch den Verfasser dieses Berichtes: es geht nicht darum keine Kritik an Freunden zu üben. Man sollte es nur in Freundschaft und gegenseitigem Respekt tun. Das ist sicher auch ein wichtiger Grundsatz für die Völkerverständigung und auch den Umgang miteinander in dieser Gesellschaft und somit auch für unseren Freundeskreis.