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Interview

Interview mit Wilfried Bergerhoff, Bürgermeister a.D., Wiehl

Corinna Bauer: Herr Bergerhoff, Sie haben die Partnerschaft zwischen Wiehl und Jokneam gefördert und unterstützt, weshalb?

Wilfried Bergerhoff
Bürgermeister a.D., Wiehl
Wilfried Bergerhoff (nachfolgend W.B.): Als stellvertretender Bürgermeister von Wiehl kam ich erstmals 1980 mit einer Delegation aus der israelischen Kleinstadt Jokneam in Kontakt, die nach einer Partnerschaft Ausschau hielten. Davor hatten bereits schon Gruppen aus Wiehl Jokneam besucht und umgekehrt. Dieser Delegation gehörte u.a. der damalige Bürgermeister Ilan Gabrieli und Simon Alfasi als stellvertretender Bürgermeister an. Damals war ich stellvertretender Bürgermeister in Wiehl und Simon Alfasi wurde bei mir untergebracht. Aus diesem Kontakt hat sich unsere Freundschaft entwickelt und wir haben beide intensiv an dem Auf- und Ausbau der Partnerschaft gearbeitet. Wir waren beide überzeugt davon, dass die schreckliche Vergangenheit unserer Völker überwunden werden muss und persönliche Kontakte zu einer Aussöhnung beitragen könnten. Für mich, der ich das Dritte Reich noch als Kind erlebt habe, war die Verantwortung vor der Geschichte der eigentliche Beweggrund. Natürlich gab es auch noch andere Interessen auf beiden Seiten.

Was hatten Wiehl und Jokneam damals gemeinsam?

W.B.: Jokneam war damals noch eine Kleinstadt im Aufbruch mit etwa 6000 Einwohnern. Es gab zwei größere Betriebe, Soltam, eine im weiteren Sinne metallverarbeitende Fabrik, und einige kleinere Firmen sowie einen Kibbuz in der näheren Umgebung, zu dem auch eine Möbelfabrik gehörte. Hier arbeiteten etwa 60% , weitere 20% der Arbeitsplätze gab es im öffentlichen Dienst und etwa 20% in dem nahe gelegenen Gebiet von Haifa. Die Verantwortlichen der Stadt planten, Jokneam in den 80iger durch Einwanderung Jahren stark zu vergrößern und die Einwohnerzahl etwa zu verdreifachen. Sie wollten deshalb ein größeres Industriegebiet entwickeln. Unsere Gäste aus Jokneam waren sehr von der beispielhaften Entwicklung Wiehls beeindruckt und hofften auch auf deutsche Investoren.

Konnte Wiehl die Bestrebungen in Jokneam unterstützen?

W.B.: Uns ist es in Wiehl nicht gelungen, deutsche Investoren für Israel zu interessieren, zum einen wegen der großen Entfernung und wohl auch wegen der immer noch krisenhaften Situation im Nahen Osten. wir waren als Kleinstadt auch nicht in der Lage, Jokneam wirtschaftliche Zuwendungen zu machen. Es gab aber auch 35 Jahre nach dem Krieg noch immer Berührungsängste, die so schnell nicht abgebaut werden konnten. Es ist uns aber gelungen, über die Jahre hinweg die freundschaftlichen, persönlichen und familiären Kontakte herzustellen, zu pflegen und damit den Kontakten zu Israel Normalität zu verleihen. Und schließlich wurden hierdurch in Wiehl restliche Bedenken gegenüber einer offiziellen Partnerschaft mit Jokneam, eben einer Stadt in Israel, ausgeräumt.

Wann waren Sie das erste Mal in Israel?

W.B.: Kurze Zeit nach dem Besuch der israelischen Delegation reiste ich im Oktober 1980 mit einer Gruppe aus Wiehl nach Jokneam. Wir wurden dort überaus herzlich aufgenommen, wurden durch das Land geführt und waren tief beeindruckt von den biblischen Stätten und den Zeugnissen der Geschichte aus vielen Jahrhunderten. Trotz sprachlicher Probleme konnten wir uns mit den Gastgebern gut verständigen, und ich erlebte den jetzigen Bürgermeister Alfasi und seine Frau als meine Gastgeber sehr herzlich, aber auch dynamisch und voller Tatendrang. Bei meinem Besuch lernte ich auch u.a. den aus Jugoslawien stammenden Fotografen Menachim Hirtenstein kennen, der mich durch seine Menschlichkeit trotz schlimmer Erlebnisse tief beeindruckte.

Wer unterstützte die Partnerschaft in Jokneam?

W.B.: Mich beeindruckten die Bemühungen der europäischen Juden in Jokneam, die Krieg und Vertreibung erlebt hatten, um partnerschaftliche Kontakte in Jokneam, sehr stark. Die meisten Familien hatten auch Angehörige in den Konzentrationslagern verloren. Viele von ihren sprachen ein wenig deutsch, so dass dadurch die Verständigung erleichtert wurde. Man konnte aber auch merken, dass die aus Nordafrika eingewanderten Israelis, wie z.B. Simon Alfasi, der aus Marokko stammt, weniger unmittelbar von den schrekklichen Folgen des Holocaust betroffen waren. In Wiehl engagierten sich einige Personen, Familien und Einzelne aus Parteien und Kirchen, die sich später zum Freundeskreis Wiehl/Jokneam zusammenschlossen.

Wurde die Partnerschaft von der jungen Generation getragen?

1998: Begegnung mit Simon Peres
W.B.: Natürlich haben wir auch Reisen als Jugendbegegnungsmaßnahmen geplant und wir haben auch über die Jahre hin viele Jugendliche nach Israel gebracht und junge Israelis hier begrüßt. Wenn ich aber auf die Entwicklung des Freundeskreises zurückblicke, so muss ich sagen, dass letztlich in der Mehrzahl Träger des Vereins in Wiehl Menschen der Kriegsgeneration und der Nachkriegsgeneration geblieben sind. Dies kann viele Gründe haben, ein wichtiger davon ist aber sicher, dass die Schuldgefühle über das Unrecht, das in deutschem Namen geschehen ist, Zeitzeugen und unmittelbare Nachfahren stärker belastet. Die Jugendlichen heute sind freier und offener in ihren Kontakten mit dem Ausland, auch zu Israel, und fühlen sich zur Kontaktpflege nicht mehr so verpflichtet wie unsere Generation. Dennoch weiß ich aus vielen Gesprächen, dass die Jugendlichen immer wieder fasziniert waren, wenn sie aus Israel zurückkehrten und ich bin sicher, umgekehrt denken die jungen Israelis genauso.

Gab es schwere Zeiten und Höhepunkte in der Entwicklung der Partnerschaft?

W.B.: Es gab immer wieder zahlreiche Höhepunkte, z.B. als endlich die Partnerschaftsurkunden im Jahr 1991 unterzeichnet werden konnten. Damals fand im Gemeinschaftszentrum in Jokneam eine große Feier statt, zu der eine offizielle Delegation aus Wiehl mit Ratsvertretern und Vertretern des Freundeskreises angereist war. Bei den Darbietungen und beim Essen wurde die große kulturelle Vielfalt in Israel durch Zuwanderung aus allen Erdteilen deutlich. In wenigen Tagen vermittelten unsere Gastgeber der Delegation außerdem einen umfassenden Eindruck von ihrem Land, zeigten uns die Golanhöhen, die Stätten am See Genezareth, das Tote Meer mit der Festung Massada und alle Städte von Jaffa, südlich von Tel Aviv bis Akko im Norden. Der Besuch in der Altstadt Jerusalems fand unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Außerdem vermittelte Simon Alfasi der Delegation einen Empfang bei Ministerpräsident Rabin in der Knesset. Mein schrecklichstes Erlebnis dagegen war ein Besuch in Jokneam im Jahr 1984, bei dem wir plötzlich mit Radiound Fernsehberichten in Israel konfrontiert wurden, dass Nazis in Wiehl randaliert hätten. Ursache war die Anmietung des Gemeindesaals in Drabenderhöhe für einen NPD-Parteitag unter falschem Namen, was zu Demonstrationen führte. Als stellvertretender Bürgermeister von Wiehl wurde ich von den mehreren Reportern interviewt. Simon Alfasi verteidigte mich und die Wiehler Freunde nach Kräften. Es war für mich dennoch sehr schwer, die Ereignisse in Wiehl begreiflich zu machen.

Noch ein kurzer abschließender Kommentar.

W.B.: Ich bin heute froh, dass sich besonders im Freundeskreis Wiehl/Jokneam immer wieder engagierte Menschen finden, die die guten Beziehungen weiter pflegen. Und mit Simon Alfasi bin ich weiterhin der festen Überzeugung, dass alles dafür getan werden muß, damit sich unsere Geschichte nie mehr wiederholt.