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Berichte

Nahost-Forum 2002 - Ich habe einen Traum ...
Corinna Bauer

Ein neues Kapitel in seiner Geschichte eröffnete der Freundeskreis Wiehl/Jokneam im Februar 2002. Zum ersten Mal wagte sich der Vorstand, veranlasst durch persönliche Kenntnis und die immer eindringlichere Berichterstattung der Medien über das Scheitern des Osloer Friedensprozesses, offiziell an ein „heißes Eisen“, die Diskussion aktueller Politik.

Die anhaltende und sich steigernde Spirale der Gewalt durch Selbstmordattentate palästinensischer Extremisten im Kernland Israels und Jerusalem einerseits und die darauf folgenden Vergeltungsaktionen des israelischen Militärs in palästinensischen Gebieten andererseits hatten den Austausch von Gruppen ab dem Jahr 2000 zum Erliegen gebracht. Angesichts brutaler Selbstmordattentate mit vielen israelischen Opfern einerseits und gezielter Tötungen mutmaßlicher Extremisten, Hauszerstörungen und massiver Militäraktionen andererseits, unter denen vor allem die palästinensische Zivilbevölkerung zu leiden hat, stellten wir uns die Frage, wie wir uns in dieser Situation gegenüber unseren Freunden, aber auch in der Öffentlichkeit verhalten sollten.

Durften wir so tun, als ginge es uns nichts an? Sollten wir uns als Deutsche überhaupt äußern? Konnten wir, wenn ja, bei welcher Gelegenheit, mit den Freunden aus unserer Partnerstadt Jokneam über unsere Sorgen, Ängste und kritische Haltung gegenüber israelischer Politik sprechen? Und wie könnten wir dazu beitragen, mit unseren beschränkten Möglichkeiten einen Dialog zwischen beiden Seiten in Gang zu bringen?

Ein „so kann es nicht weitergehen…“ stand am Anfang. Heiße Diskussionen folgten. Ein Plan entstand, der der Freundschaft zwischen Wiehl und Jokneam eine neue Qualität geben sollte, der aber auch das Risiko des Scheiterns in sich trug, mehr noch das Risiko einer vielleicht dauerhaften Entfremdung zwischen den Hauptverantwortlichen auf beiden Seiten.

Unterstützt von einem zum Teil zwar skeptischen, aber mutigen Vorstand, entwickelte eine kleine Arbeitsgruppe in kurzer Zeit den Plan für ein mehrtägiges Treffen von Israelis und Palästinensern in Wiehl. Diese sollten Gelegenheit zum Austausch auf neutralem Boden erhalten.

Zugleich hatten Besucher die Möglichkeit, sich unmittelbar über den Konflikt in Nahost aus unterschiedlichen Perspektiven zu informieren.

In wenigen Wochen nahm das Vorhaben Gestalt an. Mit Unterstützung der Sparkasse der Homburgischen Gemeinden, insbesondere auch ihres Vorstandsvorsitzenden, Wolfgang-Ludwig Mehren, der Stadt Wiehl sowie zahlreicher Förderer konnte der Verein ein zweitägiges Forum in den Räumen der Sparkasse Wiehl organisieren, das regional wie überregional bei den aktiven Teilnehmern, Besuchern und Medien sehr positive Resonanz hatte. Es gelang uns, eine fünfköpfige Delegation aus Jokneam unter Leitung des Bürgermeisters, Simon Alfasi, zur Teilnahme zu gewinnen, ferner Avi Primor, den früheren Botschafter Israels in Deutschland sowie den Historiker und Träger des alternativen Friedenspreises der Stadt Aachen, Dr. Reuven Moskowitz aus Israel. Auf palästinensischer Seite sagten zu: Mohamed Nazzal, stellvertretender Sprecher der palästinensischen Generaldelegation Deutschland, Abu Dayyeh, Projektleiter der Friedrich- Naumann-Stiftung in Jerusalem und Abdul R. Alawi, ein in Deutschland lebender Journalist und Korrespondent. Leider erhielt der ebenfalls eingeladene Leiter der griechisch- katholischen Klinik in Beit Sahour, keine Dr. Majed Nasser von der israelischen Militärbehörde keine Ausreisegenehmigung, auf die wir bis zu letzt gehofft hatten.

Das Nahost-Forum begann am Freitag, den 22.2.2002 mit dem Empfang der Freunde aus Jokneam im Wiehler Rathaus und einem Begrüßungsabend im Hotel Platte mit geladenen Gästen. Shuli Grohmann, gebürtige Israelin aus Kerpen, die schon viele Begegnungsmaßnahmen begleitet und unterstützt hatte, verzauberte mit bekannten israelischen Liedern. Reuven Moskowitz gab Kostproben auf der Mundharmonika. Rania Salsa’a, eine in Köln studierende palästinensische Studentin aus Beit Jala/Bethlehem, berichtete über ein Israelisch-Palästinensisches Gemeinschaftsprojekt zweier Schulen aus Beit Jala und Tel Aviv auf der Expo 2000 und trug mit wunderbarer Sopranstimme klassische arabische Lieder vor. Es bewegte alle Anwesenden, gemeinsam zum Abschluss mit beiden Künstlerinnen, einer Jüdin und einer christlichen Palästinenserin, das Motto unseres Forums zu intonieren:

„I have a dream ...... shalom, salaam, Frieden“

Am nächsten Morgen füllten sich nach einem gemeinsamen Frühstücksbuffet gegen 11.00 Uhr unter strengen Sicherheitsvorkehrungen schnell die Stuhlreihen im Forum der Sparkasse Wiehl. Fast 200 Besucher erlebten die erste Diskussionsrunde, die von Wiehls Bürgermeister Werner Becker-Blonigen moderiert wurde. Simon Alfasi sprach über das Sicherheitsbedürfnis der Bewohner seiner Stadt Jokneam, aber auch ihren Wunsch nach Frieden und nach einem gutnachbarschaftlichen Verhältnis zu den umliegenden palästinensischen Dörfern. Er begrüße den Wunsch der deutschen Partnerstadt nach politischem Austausch als eine Möglichkeit des Dialogs auf neutralem Boden und vertraue dabei auf die in fast 30 Jahren gewachsene Freundschaft. Dennoch war die Anspannung unserer Freunde aus Jokneam, für die Shimrit Härtl aus München in hervorragender Weise simultan während der ganzen Veranstaltung ins Hebräische übersetzte, spürbar.

Reuven Moskowitz, Mitbegründer des Friedensdorfes Neve Shalom und Aktivist in der Friedensbewegung, äußerte sich sehr selbstkritisch. Er prangerte die unversöhnliche Härte seiner Landsleute an und lobte die deutsche Außenpolitik, die sich intensiv um Frieden bemühe. Abu Dayyeh und Abdul Alawi berichteten darüber, unter welchen persönlichen und wirtschaftlichen Entbehrungen ihre Landsleute in der Westbank und in Gaza leben. Darin sei die Quelle des Unfriedens und Hasses auf Israel und die Juden zu suchen. Beide verurteilten jedoch die Selbstmordattentate palästinensischer Extremisten und erkannten grundsätzlich das Sicherheitsbedürfnis Israels an.

Nach der Beantwortung von Fragen aus dem Publikum setzten sich die Teilnehmer zum Mittagessen zusammen. Um 15.00 Uhr wurde das Programm mit einer Podiumsdiskussion zwischen Avi Primor und Mohamed Nazzal unter der fachkundigen Moderation von Ursula Welter vom Deutschlandradio fortgesetzt. Hier prallten die offiziellen Positionen in diesem Konflikt aufeinander, die unterschiedlichen Sichtweisen in Fragen von Sicherheit, staatlicher Autonomie, der Rückgabe besetzter Gebiete und der Verteilung von Ressourcen, insbesondere Wasser, bei der Beurteilung des Rückkehranspruchs palästinensischer Flüchtlinge aus dem Ausland und der Rolle der beiden Führungspersönlichkeiten Arafat und Sharon. Und doch hatten beide Teilnehmer auch eine Vision möglicher Verständigung und Toleranz durch Vermittlung Dritter, durch Entwicklung der Wirtschaft zum gemeinsamen Nutzen bei im übrigen getrennter staatlicher Organisation. Voll besetzte Zuschauerreihen erwarteten am Abend ein großes Podium mit allen Teilnehmern unter dem Motto: „Sicherheit und Gerechtigkeit für alle“. Unter der sensiblen Leitung von Dr. Günter Müchler, Leiter des Deutschlandfunks Köln, vertieften Israelis wie Palästinenser nochmals ihre Ansätze, suchten nach Auswegen aus der Krise und Lösungen für ihr Land. Reuven Moskowitz, bei seinen Landsleuten durchaus nicht unumstritten, machte mit dem Hinweis auf deutsche Nachkriegspolitik deutlich, dass das Ziel friedlichen Zusammenlebens manchmal ein Zurückstecken eigener Ziele und die Bereitschaft zur Entschuldigung erfordere. Er forderte von seinen Landsleuten Zugeständnisse bei dem palästinensischen Anspruch auf staatliche Autonomie und Rückzug aus den besetzten Gebieten sowie eine Haltung des Respekts vor dem Anderen als Voraussetzung für Frieden und Freiheit.

Als deutsche Teilnehmer konnten wir die eindringliche Mahnung Moskowitz’s nach einer Politik des Ausgleichs angesichts unserer Geschichte nachvollziehen. Bei unseren israelischen Freunden jedoch sitzen Ängste und die Erfahrung, dass sie sich als jüdische Minderheit nur selbst verteidigen konnten, tief. Aber ebenso dürfte die biblische Verheißung auf das „gelobte Land“ und der daraus abgeleitete israelische Gebietsanspruch von Einfluss auf die israelisch- jüdische Haltung im Konflikt mit den palästinensischen Einwohnern sein. Diese Faktoren bestimmen die Sicherheitspolitik des Staates Israel mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen.

Simon Alfasi, der langjährige Bürgermeister Jokneams, erklärte dennoch bewegt seine Absicht, sobald es die Verhältnisse erlaubten, alles daran zu setzen, eine ähnliche Konferenz in seinem Land zusammen mit Vertretern umliegender arabischer Ortschaften zu veranstalten und damit (wieder) in einen Dialog mit der anderen Seite einzutreten. Sehr nahe kamen sich Wiehls israelische und palästinensische Gäste auf persönlicher Ebene am gleichen Abend an der Theke des Hotels Platte. Auf privater Ebene und neutralem Boden war Verständigung kein Problem, und man ging spät nach Austausch von Visitenkarten und Adressen in gutem Einverständnis auseinander.

Am Sonntagmorgen, den 24.2.2002 schlossen der Vorstand des Freundeskreises und die Delegation aus Jokneam in einer kleinen Runde die Veranstaltung ab. Wir tauschten uns über unsere Erfahrungen und Empfindungen bei dieser Veranstaltung und in ihrem Vorfeld aus. Wir haben uns alle, jeder aus seiner Sicht mit großem Engagement, aber auch mit Ängsten und Befürchtungen, an diese Aufgabe herangetraut. Und wir stellten fest, das Wagnis, aktuelle politische Themen mit Brisanz für Deutsche und Israelis aufzugreifen, führte nicht zur Beendigung unserer Freundschaft, sondern hat sie im Gegenteil gestärkt.

Wir möchten, dass unsere Freunde aus Jokneam weiter unserer Loyalität vertrauen, auch wenn wir aus der Distanz vieles anders und manches sehr kritisch sehen. Dabei wollen und können wir nicht ihre Lehrmeister sein, aber wir möchten die Plattform für einen Dialog zwischen Menschen anbieten, gegen die – mit den Worten Werner Becker-Blonigens – Verhärtung der Herzen ankämpfen. Damit verbindet sich für uns die Hoffnung, einen Mosaikstein auf dem Weg zu Frieden und Freiheit für alle beizufügen. Und diese Hoffnung ist auch zwei jahre nach dem Nahost-Forum, einer Zeit, in der die palästinensischen Städte und Ortschaften in Israel durch Mauern und Stacheldraht eingeschlossen werden, nicht erloschen. Früher oder später werden beide Seiten zum Dialog zurückfinden.

…das ist unser Wunsch – das ist unser Traum…