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Berichte

Eindrücke einer Israelreise
Raimund Binder

Über Hiltruds Tanzgruppe waren wir auf den Freundeskreis Wiehl/Jokneam gestoßen, hatten bei dem Besuch des Jugendorchesters im August 1999 einen Gast aus Jokneam beherbergt, und als im Oktober 1999 die Begegnungsmaßnahme nach Jokneam anstand, waren wir mit Begeisterung dabei. Die Neugierde auf Israel, das Gebiet Palästina, das heilige Land, das als Geburtsort von Religionen und Schnittpunkt der Kontinente eine so beachtliche Vielfalt an naturwissenschaftlichen, historischen und ethnischen Schätzen zu bieten hat, war ebenso unbändig, wie die Bedenken einer Reise gegenüber, die in ein immer noch umkämpftes Gebiet unversöhnlicher politischer Positionen führte. Selbstverständlich wäre die Reise bei akuter Gefahr nicht angetreten worden, doch soweit man im Nahen Osten von Frieden sprechen kann, gab es Ende der neunziger Jahre eine kurze Atempause zwischen Kriegen, Besetzungen, Intifadas und Selbstmordanschlägen, deren Bedrohung aber bei den Zollkontrollen immer noch lebhaft zu spüren waren. Man fuhr in ein Land, das ein tiefes Selbstverteidigungstrauma zu verarbeiten hat… und man wurde von Menschen empfangen, deren herzliche Gastfreundschaft überwältigend war. Der Hausherr, ein Jude aus dem Irak, seine Frau aus Marokko und ihre vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne, junge moderne Israelis, ließen den Begrüßungsspruch dem Gast gegenüber: „Mein Haus sei auch dein Haus“ angenehme Wahrheit werden. Aus aller Herren Länder ist dieses Volk, das in der Diaspora über seinen Glauben, allen christlichen Autodafés, weltweiten Vertreibungen, Pogromen und systematischen Vernichtungsversuchen zum Trotz, über die Jahrhunderte Identität bewahrte, zurückgeströmt, zu den geschichtlichen Wurzeln, hat sich in „Wellen“ auch auf dem Gebiet der Stadt Jokneam niedergelassen, die ihre Entwicklung fest im Auge hat: 2040 sollen es 40.000 Einwohner werden. Erinnerungen und Pläne, die daraus werden… der Empfang beim Bürgermeister war ebenso herzlich wie informativ.

Tagsüber ließen uns unsere israelischen Freunde ihr Land kennen lernen, touristische Leckerbissen, die der interessanten Vielfalt des Gebietes entsprachen, die Abende aber dienten dem besseren Kennenlernen und der Geselligkeit. Am zweiten Abend fuhren wir gleich zu einer Hochzeit nach Netanja, die in einem riesigen Zelt stattfand. Schier unübersichtlich die Zahl der Gäste, überschwänglich das Wiedersehen der Verwandten, die Tische bogen sich und die Teller konnten kaum leer gegessen werden und alles mündete in ausgelassenen Tanz, der Boden bebte und die Luft jauchzte mit. Die Tischpartner hatten erstaunliche Schicksale hinter sich. So war der Vater der Hausfrau zum Beispiel heimlich, gegen das Verbot der englischen Mandatsregierung, von einem rostigen „Seelenverkäufer“ aus, schwimmend in der englischen Kolonie gelandet und plötzlich war, mitten im Gewühl des übermütigen Hochzeitsfestes, der Inhalt des Romans und Films „Exodus“ nicht mehr nur Gelesenes.

Dann der Freitag, wenn die Familie zusammenkommt, die Frauen den ganzen Tag über den rituellen Abend vorbereiten: Shabat. Dieses ernsthafte Fest des Zusammenhaltes, der Zusammengehörigkeit, das man wie ein Aufgenommen-Werden in die Gastgeberfamilie empfinden kann. Und schließlich die aus dem Stegreif improvisierten Abende, Einladungen per Telefonrundruf mal in ein Lokal, mal zu einer Gastgeberfamilie, das alles schafft Vertrautheit und Nähe.

Und was haben wir nicht alles tagsüber gesehen. Die christlichen Wahrzeichen der Gegend, im letzten Jahrhundert auf mittelalterlichen Ruinen erbaute mächtige Kirchen, sei es auf dem Berg Tabor oder Karmel, sei es die Grabeskirche in Jerusalem oder die Geburtskirche in Bethlehem. Sie zeichnen einen Anspruch in den Himmel, den die Kreuzritter eigentlich längst verspielt haben sollten und doch sind die Spuren des Heilands der Christenheit rund um den See Genezareth, am Jordan das Taufamphitheater oder in Jerusalem die Via Dolorosa, Zielpunkte eines schier unüberschaubaren christlichen Touristengewimmels. Christliches Pilgern als Urlaub in den Resten Osmanischer Geschichte, die hier ja erst 1917 endete. Der orientalische Marktplatz von Haifa präsentiert sich wie zeitlos, immer noch würde jede Mode der letzten fünf Jahrhunderte in diese Farbenfülle, diesen Duftüberschwang passen und die Mauern von Jaffa, Akko und nicht zuletzt Jerusalem dokumentieren in ihrer Wucht den islamischen Anspruch auf dieses gebeutelte Land. Golden wölbt sich die Kuppel des Felsendoms über den Fundamenten des jüdischen Tempels neben der aus einer christlichen Kirche entstandenen Al Aksa Moschee. Hat hier Abraham seinen Sohn geopfert, Salomo gepredigt? Hat hier Jesus die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben? Oder ist Mohammed zum Himmel gefahren? An der Klagemauer nicken die schwarzbedeckten Köpfe gegen die Fundamente, als könnten sie alle anderen darüber entstandenen Wahrzeichen zum Einsturz bringen. Und jede dieser Städte ist rundum von wuchtigen Neubauvierteln umgeben, von Verwaltungsgebäuden, Schulen, Universitäten, Sportstätten, Krankenhäusern, Kaufhäusern, Produktionsstätten – ein wirtschaftlich aufstrebendes, modernes Land, eine parlamentarische Republik, seit 1948 wuchtig aus dem kargen Boden gestampft. Aus den Sümpfen, die die ersten jüdischen Siedler trockenlegten, aus Wüstenstrichen, die bewässert und fruchtbar gemacht wurden, wuchsen die ersten Kibbuzim, deren soziales Modell jüdische Ansiedlung auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches erst möglich machte und die 1948 von den Truppen der „Arabischen Liga“ nicht vernichtet werden konnten. Dieses soziale Modell ist aber inzwischen vom „Wohlstand“ des individuellen Lebens überholt, von der Jugend nicht weiter angenommen worden, wie wir im Kibbuz Yf’at von einer darüber sehr enttäuschten Kibbuznik erfahren konnten. Hier begegnete uns auch ein Zeitzeuge des Ursprungs des heutigen Nahost-Konflikts, eine ungarische Jüdin, Überlebende aus Auschwitz, und sie war der Vorbote des, vielleicht für alle Mitglieder unserer Besuchergruppe, ergreifendsten Erlebnisses dieser Reise, dem Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem. Das Gedenken an Millionen Juden, im Rassenwahn vernichtet, macht begreiflich, warum ein Volk, das über ein Jahrtausend, überall sonst auf der Welt gnädigen Unterschlupf suchend nichts als Demütigung und Vernichtung erntend, jetzt ein Recht auf international zuerkannte Heimat mit der Waffe in der Hand verteidigt. Yad Vashem macht still, innerlich taub vor Empörung, dass trotz allem das Morden aus politischen Gründen auf dieser Welt nicht endet. Eine bittere Hypothek für einen schmalen Landstrich Heimat.

Letztlich fahren wir nach Eilat und Petra. Das Hickhack an der jordanischen Grenze macht den Konflikt noch einmal erfahrbar. Wir genießen den Ausflug trotz allem und treffen abends, nach Eilat zurückgekehrt, mit einer oberbergischen Gruppe zusammen, die das Palästinensergebiet besucht hatte, wie wir die Israelis. Im Gespräch merkte ich plötzlich, dass wir aneinander vorbei redeten. Unsere Erlebnisse waren anscheinend so unterschiedlich, wie das nur in einer so zerrissenen Region möglich war. Und ich erinnerte mich an ein Gespräch in unserer Gastgeberfamilie, die sich über das Thema in die Haare gefahren war: ob Friede mit Palästinensern überhaupt möglich wäre? Mir wurde bewusst, dass uns ein Virus der Region ergriffen hatte: Die Gastfreundschaft des einen wie des anderen. Man ist fast mit Teil des Konflikts geworden, ein Zeichen, dass es höchste Zeit ist, wieder nach Hause zu fahren, um wieder neutraler Europäer zu werden, soweit so etwas überhaupt möglich ist. Doch im Herzen bleibt der tiefe Wunsch, dass in den unausweichlich anstehenden Auseinandersetzungen wenigsten unseren Gastgebern nichts zustoßen sollte.