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Berichte

Begegnung zwischen Wiehl und Jokneam –
und wie sehe ich die politische Situation heute?

Dr. Dieter Fuchs

Es war schon ein kühnes Unterfangen: Nach der kommunalen Neugliederung war Wiehl eine der ärmsten Städte im Land Nordrhein Westfalen. 1972/73 fehlte jede dritte Mark im Haushalt. Die Wunden, die die Neugliederung geschlagen hatte, beschäftigten nicht nur Rat und Verwaltung, sondern auch viele Betroffene. In dieser Situation eine partnerschaftliche Verbindung mit einer israelischen Stadt zu beginnen, erforderte Mut. Vielleicht aber war es gerade die – zugegebenermaßen: relative – öffentliche Not, die Verständnis und Sympathie für ein Gemeinwesen in einem Land aufkommen ließen, das sich 1967 in bewundernswerter Weise einer scheinbar übermächtigen Aggression sämtlicher Nachbarstaaten erwehrt hatte.

 1972 als Fraktionsvorsitzender der CDU im Wiehler Rat und seit Juni 1973 als Stadtdirektor erlebte ich die politischen Diskussionen um die Begegnung mit der „neuen“ Stadt Jokneam im Norden Israels hautnah mit. Ein besonders verbindendes Element bildete die beiderseitige Erfahrung mit Menschen, die aus anderen Ländern zugewandert waren: in Wiehl die Siebenbürger Sachsen aus Rumänien, in Jokneam Einwanderer aus vielen Staaten, vor allem aus Nordafrika. Andererseits gab es in Wiehl mancherlei Bedenken, dass eine „verbindliche“ Partnerschaft mit einer so weit entfernten Stadt weder finanziell noch in der praktischen Umsetzung bewältigt werden könnte. Wir einigten uns schließlich darauf, das Vorhaben zunächst einmal ohne den Rahmen einer „offiziellen Partnerschaft“ anzugehen. Wir wollten ausprobieren, ob es in beiden Städten genügend Resonanz, dauerhaftes Engagement und überschaubare finanzielle Belastungen geben würde. Dabei war in Wiehl zunächst keinerlei finanzielle Unterstützung seitens der Stadt möglich, weil die unter der besonderen Kuratel des lnnenministers in Düsseldorf stand und praktisch keinen eigenen Handlungsspielraum besaß. Es kam also im Wesentlichen auf das bürgerschaftliche Engagement an. Und das war in erfreulichem Maß vorhanden.

1973 wurde uns überdeutlich bewusst, auf was wir uns da eingelassen hatten. Gerade während des ersten Jokneam-Aufenthaltes einer jungen Wiehler Gruppe, zu der auch unsere Tochter Marion gehörte, brach der Jom- Kippur-Krieg aus. Die Begegnung musste überstürzt abgebrochen werden. Die Rückreise gestaltete sich chaotisch, doch glücklicherweise am Ende geordnet.

Mit einer großen Gruppe von Wiehlern war ich 1977 dann selbst in Jokneam. Die Gastfreundschaft war überwältigend. Es herrschte eine fröhliche, zeitweise ausgelassene Stimmung. Bürgermeister llan Gabrieli, der heutige Bürgermeister Simon Alfasi und der umtriebige, nimmermüde Shalom Kazir boten uns ein Programm, bei dem Kontakte zu den Menschen in der Stadt und Exkursionen von den Golan-Höhen bis nach Eilat dichtgedrängt unsere Aufmerksamkeit fesselten. So haben wir in 2 Wochen praktisch ganz Israel kennen gelernt – wenn auch im Eiltempo. Der nächtliche Badeausflug zum See Kinneret gehörte ebenso dazu wie ein Besuch in Bethlehem – damals noch ohne weiteres möglich –‚ die Festung Massada als Symbol tapferen Widerstandes sowie die beeindruckenden Wüsten Judäas und des Negev. Die Stimmung im Land und in Jokneam selbst ließ sich am ehesten mit „Zuversicht, Aufbruch und – aber mehr im Hintergrund – Wachsamkeit“ beschreiben.

Wie sehe ich die politische Situation heute?

Da ich selbst seit 1977 nicht mehr in Israel war, beruhen meine Eindrücke von der heutigen politischen Situation auf Berichten von Menschen, die als Israelis Wiehl besuchten, als Teilnehmer der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste e.V. lange in Israel tätig waren, Familienmitgliedern, die als Juden in Israel studierten, Freunden, die Israel und seine Nachbarländer häufig besuchten, sowie auf den Darstellungen der Medien.

Nach zweimaliger Intifada und unendlichem Leid, das von palästinensischen Selbstmordattentätern wie durch überharte israelische Gegenschläge über eine Vielzahl von Menschen auf beiden Seiten gebracht wurde, ist von Aufbruchstimmung in dieser Region keine Rede mehr. Stattdessen sind Angst und „trotzige Normalität“, mehr aber noch Hass, bestimmende Elemente des Lebens geworden. Es ist nicht zu leugnen, dass die Palästinenser - und auch die in Israel lebenden Araber – sich mit einigem Recht vielfältig diskriminiert fühlen können. Ein bis jetzt ungebremster Siedlungsbau in einem Gebiet, das nach den Osloer Vereinbarungen schrittweise den Palästinensern übergeben werden sollte, der Bau einer - aus israelischer Sicht verständlichen, letztlich aber doch monströsen – Mauer, die häufige Sperrung des Zugangs für palästinensische Arbeitskräfte zu ihren Arbeitsplätzen in Israel sind nur einige Beispiele, die zum Aufbau von Hassgefühlen beitragen können.

Andererseits ist die endlose Welle von Selbstmordattentaten, zu deren Ausführung junge Palästinenser geradezu mit religiöser Heilsverkündung ausgebildet werden, eine ständige Quelle des Leides für willkürlich Betroffene, insbesondere Familien und Kinder in Israel, und damit auch für Wut und Vergeltungsgedanken. Obwohl die Kräfteverhältnisse ungleich verteilt sind, erscheinen mir die beiden Seiten so ineinander verbissen, dass sie aus eigener Kraft diese Verschlingung kaum noch lösen können. Erschwert wird die Lage dadurch, dass auf palästinensischer Seite außer der unkalkulierbaren Person Arafat niemand genügend Autorität besitzt, um die selbständig handelnden radikalen Gruppierungen, die – wie die Hamas in ihren Hochburgen eigene Sozialstrukturen aufgebaut haben, zu einem Ende der Selbstmordpolitik zu zwingen. Aber selbst Israel, das von erheblichen Finanztransfers aus den USA abhängig ist, zeigt sich gegenüber amerikanischen Kompromissangeboten wenig aufgeschlossen.

Hoffnung erzeugen vielfältige nichtstaatliche Initiativen von Israelis und Palästinensern, die zunehmend gemeinsam – wie bei der Genfer Runde oder der jüngsten Bergexpedition – ein Ende der Spirale von Mord und Vergeltung fordern und die selbst ein friedliches Miteinander praktizieren. Ich bin nicht sicher, ob dieser Weg von Israel und den Palästinensern allein gegangen werden kann. Dafür sind beiderseits die Gefühle zu sehr verletzt und von Wut und Hass überlagert. Unterschwellig gibt es aber eine mehrheitsfähige Strömung, die Frieden und Ausgleich will, zumindest als den gegenüber dem heutigen Zustand besseren Weg erkennt, auch wenn er auf beiden Seiten Zugeständnisse erfordert. Nötig scheint mir aber in jedem Fall eine massive Unterstützung jeden Friedensprozesses von außen, von den USA, Europa und den Vereinten Nationen, nicht zuletzt von den Nachbarländern des Krisengebietes. Dafür gibt es in jüngster Zeit hoffnungsvolle Ansätze. Es wird nicht leicht sein – und gefährlich für alle in Israel und den Palästinensergebieten Handelnden, Frieden in dieser Region zu schaffen. Einer besseren Zukunft für alle dort Lebenden – und dann eingebettet die friedliche Partnerschaft Wiehl - Jokneam – sehe ich mit realistisch unterlegtem Optimismus entgegen.