Freundeskreis Wiehl/Jokneam e.V. Kontakt | Impressum | Links | Archiv | Sponsoren | Sitemap 
Freundeskreis Wiehl/Jokneam e.V.
Google
 
Web www.wiehl-jokneam.de
STARTSEITE | AKTUELLES / TERMINE | BERICHTE | FOTOS | INTERVIEW

Berichte

Der Anfang, der kein friedlicher war
Karl Herman Mehlau

Nachdem 1972 in Wiehl eine Sportlergruppe des „Hapoel“ aus Israel in Wiehl war, kam es zu Gesprächen mit Vertretern der Stadt und der Verabredung von Kontakten auf Sportlerebene.

Ich war damals sehr israelbegeistert. Moshe Dayan und Golda Meir waren für mich Idole. Und so war ich ganz verzückt, als ich als damaliger Jugendvertreter im Tennisklub des TuS Wiehl die Ausschreibung für eine Fahrt nach Israel erhielt. Sie war an alle jüngeren Funktionsträger in Sportvereinen in der Stadtgemeinde Wiehl und in der näheren Umgebung gerichtet.

Im Gegensatz zu einem jungen Mann aus Dreisbach, dessen Mutter Wilfried Hahn um eine Gefahreneinschätzung bat (nach der Reise musste er sich wütende Kommentare der Mutter anhören), habe ich keine Sekunde mit der Anmeldung gezögert. Gleichzeitig war man in der Stadt Wiehl bemüht, Sponsoren für die Reise zu finden. Zumindest ein Verband machte seine Zuschüsse von einer intensiven Schulung im Vorfeld abhängig. Der Wiehler Koordinator Siegfried Lauff ging deshalb auf Wilfried Hahn zu und bat darum, sein Wissen an die Sportjugend weiterzugeben. Schließlich hatte er vier Jahre zuvor schon einmal Israel besucht.

So sind wir an drei spannenden Vorbereitungsabenden auf die anstehende Reise vorbereitet worden. Über den Staat Israel und seine Kibuzzim hörten wir viel, aber auch über das Judentum mit seinen Speisegesetzen und über den Zauber des Sabbats. Wichtig für unsere Reise war auch die Einführung in die Bedeutung des Versöhnungstages, des Yom Kippur, der mitten in unsere zweiwöchige Reise fallen sollte.

Am 29. September 1973 war es endlich so weit. Mit der Lufthansa ging es von Köln über München nach Tel Aviv. Dort wurden wir direkt von einer Jugenddelegation aus Jokneam empfangen. Die Atmosphäre war sofort so herzlich, dass wir uns über den etwas altertümlichen Zustand des Busses überhaupt keine Sorgen mehr machten. Mit einem jungen Mann, der sich mir als Shalom Kazir vorstellte, kam ich überein, dass ich Gast in seiner elterlichen Wohnung sein sollte. Das war zwar vom Plan her nicht vorgesehen, doch Shalom hat das dann doch so gemanagt. Noch sehr gut kann ich mich daran erinnern, dass die Familie, obwohl sie erst einige Jahre zuvor aus Rumänien eingewandert war, bereits über eine große Anzahl von Sachen verfügte, die nicht täglich benutzt wurden. Offensichtlich in Ermangelung eines Kellers wurden alle diese Sachen in der Dusche gestapelt. Hätte ich das vorhergesehen, hätte ich wahrscheinlich gar nicht nach der Möglichkeit einer Dusche gefragt. Doch ich weiß noch, dass der Vater fast eine Stunde lang nach meiner Anfrage die Dusche leer geräumt hat, um mir etwas Reinlichkeit zu gönnen.

 Damals fiel Jokneam räumlich in zwei Teile auseinander: in einen älteren Kern und ein Neubaugebiet. Mitten an der Verbindungsstraße war der Kiosk von Shaki, einem griechischstämmigen Israeli. Vom ersten Abend an war dort unser Treffpunkt. Shaki hat uns nicht nur israelische Tänze beigebracht, sondern auch einen Einführungskurs in Sirtaki gegeben.

Nach einem relativ kurzen Empfang im Rathaus und einem Rundgang durch den Ort begann am folgenden Tag schon unser touristisches Programm. Noch gut kann ich mich natürlich an Jerusalem mit Knesset, Klagemauer und Grabeskirche erinnern. Bethlehem, ein Bad im Toten Meer und sogar ein Bummel durch Nablus (heute fast unvorstellbar) standen auf dem Programm. In Haifa wurden der Bahai-Tempel und das Silo besichtigt. Fritz, ein netter alter Mann (in Breslau aufgewachsen) aus dem nahe Jokneam gelegenen Moshav, führte uns, so gut es ging, auch noch zum Karmel, zum obligatorischen Bäumepflanzen und zu einer Weinkelterei der Familie Rothschild. Ansonsten wurde die Gruppe von Benjamin Caracco als dem Verantwortlichen von Jokneam begleitet. Er und unser Leiter Siegfried Lauff saßen als ein festes Gespann immer ganz vorne im Bus nebeneinander. Es hat uns in der Gruppe immer wieder verwundert, wie viel die beiden miteinander geredet haben, obwohl ihnen eine gemeinsame Sprache fehlte.

Auf den Yom Kippur genau in der Mitte unseres Aufenthalts waren wir schon in Wiehl vorbereitet worden. Bei Familie Kazir gab es zu Beginn ein festliches Abendessen. Und ich habe mir den Bauch auch richtig voll geschlagen in dem Bewusstsein, dass es die nächsten 24 Stunden nichts mehr gäbe. Aus lauter Respekt vor den religiösen Gefühlen meiner Gastgeber wollte ich natürlich das 24- stündige Fasten mit durchhalten. Doch später am Abend knurrte mir bereits der Magen. Der Geist war ganz willig, doch das Fleisch erschreckend schwach. Bei Shulamit, die einer sehr säkularen Familie entstammt, bekam ich dann noch ein paar Brote und wurde auch direkt für den nächsten Morgen zum Frühstück eingeladen. Gesagt, getan. Entspannt haben wir das Frühstück genossen, auch mit Yitzhak, dem älteren Bruder Shulamits. Erst am späten Vormittag traf unsere Gruppe zusammen, um einen Spaziergang zum Kibbuz zu unternehmen. Ein Programm war nicht vorgesehen, da an dem hohen Feiertag keiner für uns Zeit hatte. Anfangs war alles wie ausgestorben. Die meisten waren in der Synagoge. Sehr ruhig begann dieser 6. Oktober 1973. Auf dem Rückweg vom Kibbuz merkten wir, dass der Autoverkehr zunahm. Zunächst nahmen wir an, dass dies alles Menschen wären, die die religiösen Weisungen der Thora nicht so ernst nehmen. Eine Erklärung erhielten wir erst, als ein junger Israeli, der besorgt nach uns gesucht hatte, uns mitteilte, dass es kleinere Probleme mit Syrien gebe. Es würden deshalb zur Verstärkung mehr Soldaten an die Grenze geschickt. Doch wir sollten besser jetzt zu unseren Familien gehen.

Da ich aber die Familie Kazir in der Synagoge wähnte, ging ich mit 2 anderen zunächst zu Shulamit. Bei ihr zu Hause herrschte eine ganz eigentümliche Atmosphäre. Die Mutter hatte Tränen in den Augen. Vater und Sohn saßen gebannt vor dem Radio. Nach ein paar Minuten, nachdem sich die Familie erregt ausgetauscht hatte, erklärte uns Shulamit, dass Krieg sei. Doch meine beiden Freunde und ich wurden sofort beruhigt: Ägypten und Syrien hätten gleichzeitig angegriffen. Zunächst mit Erfolg, weil der Überfall an dem Feiertag sehr überraschend war. Doch inzwischen hätten die Israelis ihre Truppen verstärkt. Das Blatt habe sich schon gewendet und die feigen Feinde seien inzwischen auf der Flucht. Außerdem erklärte Shulamit uns, dass im Radio fortlaufend Nummern durchgegeben werden. Damit würden die Reservisten eingezogen. Auf einmal murmelten die Männer. Yitzhak stand auf und ergriff den bereitgestellten Rucksack. Blankes Entsetzen war im Gesicht der Mutter und auch von Shulamit zu sehen. Yitzhak hatte die Nummer seiner Einheit im Radio gehört und musste sich auf den Weg machen. Mir war es ziemlich peinlich, bei der doch sehr intimen Abschiedszeremonie der Familie mit dabei zu sein. Doch wir wurden aufgefordert, zu bleiben. Das gleiche wiederholte sich dann noch etwa zwei Stunden später, als auch der Vater zu seiner Einheit gerufen wurde. Shulamit führte uns schließlich an einen Abhang, von dem aus man sehr gut auf einen Militärflughafen in der Jisreel-Ebene gucken konnte. Ständig starteten und landeten dort Kampfflugzeuge.

Als ich zurück ins Neubaugebiet zur Familie Kazir kam, packte man dort bereits einige Sachen zusammen. Die Menschen in Galiläa hatten die Anweisung bekommen, sich auf eine Nacht im Luftschutzbunker vorzubereiten. Man erklärte mir, dass das eine reine Vorsichtsmaßnahme sei. Denn schon sobald ein gegnerisches Flugzeug sich dem israelischen Luftraum nähern würde, würde der Alarm ausgelöst. Denn, falls dieses Flugzeug nicht abgeschossen werden könnte - was aber nur in der Theorie eintreffen könne - sei dieses angesichts der kleinen Entfernungen in Israel sehr schnell auch in Jokneam. Und wegen des nahen Flughafens sei ein Angriff auf Jokneam nicht ausgeschlossen, da die Syrer so genau nicht zielen könnten.

Trotz der Vorbereitung wurde mir ganz anders, als dann abends - es war schon dunkel - die Sirenen Fliegeralarm gaben. Auch bei Familie Kazir war in diesem Augenblick die demonstrative Gelassenheit dahin. Eilig packten wir die bereitgelegten Decken und eilten zu dem nahe gelegenen Bunker, den ich vorher als solchen überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Dort war die Stimmung wieder gelassener. In dem Keller fühlten sich alle sicher. Man arrangierte sich, so dass jeder in der Nähe seiner Angehörigen seine Decken ausrollen konnte. Bis zur Entwarnung am frühen Morgen war bei mir überhaupt nicht an Schlaf zu denken. Dafür war der Betonboden trotz der Decken zu hart. Richtig Angst hatte ich eigentlich nicht. Ich hatte absolutes Vertrauen in die Stärke der israelischen Armee. Und alle Leute in Jokneam versicherten uns ja auch immer wieder, dass die Streitkräfte die Lage vollkommen unter Kontrolle hätten. Wie nahe an diesem Tag die Syrer einem entscheidenden Durchbruch waren und Israel vor der absoluten Katastrophe stand, haben wir erst nach unserer Rückkehr in Deutschland erfahren.

Auf der einen Seite machte mich in den nächsten Tagen die Informationspolitik unserer israelischen Gastgeber ziemlich wütend. Keiner informierte uns wirklich über die Situation an den Fronten. Immer versuchte man, alles zu verharmlosen und herunter zu spielen. Andererseits ahnten wir, dass das nicht die Wahrheit war. Auf dem Militärflughafen waren täglich deutlich weniger Flugzeuge zu sehen. Und erheblich mehr erfuhr ich auch aus der englischsprachigen „Jerusalem Post“, deren Kauf für mich zu einem absoluten Muss wurde.

Die nächsten beiden Tage in Jokneam gingen uns schon ganz schön an die Nerven. Unser Besuchsprogramm hatte sich von selbst erledigt. So richtig wussten wir auch nicht, was wir überhaupt tun sollten. In unserer Gruppe wurde natürlich immer wieder die Lage analysiert. Manche hatten auch richtig Angst. Sie wollten so schnell wie möglich nach Hause. Doch der Rückweg war uns versperrt. Denn alle Fluglinien hatten ihren Verkehr nach Israel eingestellt wegen der Gefahr, über dem Mittelmeer von ägyptischen oder syrischen Maschinen abgeschossen zu werden. Wir saßen also in der Falle und mussten das Beste daraus machen.

Doch auch eine positive Veränderung konnte ich deutlich wahrnehmen. Bis zum Yom Kippur wurden wir von den Menschen vor Ort mehr oder weniger als Touristengruppe angesehen, dazu häufig auch mit einer gewissen Skepsis. Schließlich kamen wir aus Deutschland, was vor 30 Jahren noch nicht so selbstverständlich war. Doch ab dem ersten Aufenthalt im Luftschutzbunker hatte sich die Atmosphäre deutlich verändert. Ich fühlte mich von den Menschen in ihre Schicksalsgemeinschaft aufgenommen. Wir saßen jetzt zusammen in einem Boot. Und noch eine weitere Begebenheit veränderte meine Stimmung. Mit Shalom ging ich am Abend ins Postamt. Mehrere Mädchen oder junge Frauen befanden sich dort. Natürlich diskutierten sie dort viel. Aber sie versuchten auch, das Postwesen aufrechtzuerhalten. Denn alles musste nun umstrukturiert werden, da fast alle Männer weg zu ihren Einheiten waren. Und wie selbstverständlich forderte mich Sara auf, ihr beim Sortieren der Briefe zu helfen. Das war auch nicht weiter schwierig, da zumindest damals in Jokneam die Häuserblocks durchnummeriert waren. Und die Zahlen konnte ich problemlos lesen. War ich mir noch im Laufe des Tages als lästig und als eine überflüssige Sorge für unsere israelischen Gastgeber vorgekommen, so fühlte ich mich jetzt richtig sinnvoll. Ich war ganz glücklich mithelfen zu können, die vorhandenen Engpässe mit auszufüllen.

Am folgenden Tag wurden Arbeitseinsätze auch in unserer Gruppe diskutiert. Andere hatten ähnliche Erfahrungen gemacht. Bei den Diskussionen wurde aber immer offenkundiger, dass ein Riss durch unsere Gruppe ging. Es waren hauptsächlich die Jüngeren, die mit anpacken wollten. Andere, besonders die bereits eigene Kinder in Wiehl hatten, wollten lieber in Richtung Flughafen aufbrechen. Denn angeblich sollte nachts ein von Kampfflugzeugen eskortiertes Flugzeug der El Al Ausländer ausfliegen.

An den Jubel bei uns Jüngeren am nächsten Vormittag kann ich mich noch gut erinnern. Vom nahe gelegenen Kibbuz hatten wir einen größeren Auftrag in der Landwirtschaft erhalten. Doch Siegfried Lauff hielt uns zurück. Denn schon den ganzen Vormittag hatte er probiert, uns Plätze für ein Flugzeug in der kommenden Nacht zu sichern. Die Chancen hatten sich verbessert, da auch die Air France zu fliegen wagte. Es hieß, französische Maschinen würden wegen der guten Kontakte zu den arabischen Ländern nicht angegriffen. Heftig und sehr emotional wurde unter uns diskutiert, ob wir in der Hoffnung auf einen Flug uns möglicherweise tagelang zum Warten in den Flughafen setzen sollten oder ob wir uns nicht lieber sinnvoll in der Landwirtschaft betätigen wollten, wo jetzt ziemlich alles brach lag. Letztendlich hat Siegfried Lauff ein Machtwort gesprochen. Es wurde gepackt und am Nachmittag brachte uns ein Bus zum Flughafen. Dort machte man uns überhaupt keine Hoffnung, in der kommenden Nacht ausgeflogen zu werden. So wurden wir in einem Hotel in Lod, also in der Nähe des Flughafens, einquartiert. Auf dem Zimmer konnten wir über Radio den Piratensender von Uri Avneri empfangen. Eindrucksvoll fand ich, dass nach jedem Musikbeitrag kurz eine Sequenz von den Beatles eingespielt wurde: „All we are saying, is, give peace a chance.“

Während wir inzwischen die Fliegeralarme in Jokneam relativ gelassen hinnahmen - manche gingen schon gar nicht mehr in den Bunker -, löste der Alarm in dieser Nacht wieder größere Ängste aus. Jedem war klar, dass der große Flughafen ein lohnenswertes Objekt für Angriffe war. Und noch ein zweites Mal wurden wir in der Nacht geweckt. Überraschend hieß es, dass eine französische Maschine fliegen würde und wir gute Chancen hätten, darin Platz zu finden. Es war für uns fast unfassbar, als wir tatsächlich Stunden später in einem Flugzeug der Air France saßen. Nach dem Start war die Anspannung noch ziemlich groß. Noch saß uns die Angst im Nacken, dass wir in der Nähe des israelischen Territoriums abgeschossen werden könnten.

Als wir in den frühen Morgenstunden sicher in Paris landeten und es klar wurde, dass wir erst am späten Vormittag weiter nach Köln fliegen könnten, wurden einige von uns schon wieder abenteuer- oder unternehmungslustig. Unbedingt wollten sie noch in die Stadt und einen Blick auf den Eiffelturm werfen.

Die meisten von uns waren überglücklich, als sie in Köln/Bonn wieder heimischen Boden unter den Füßen hatten.

Vielleicht gerade wegen des Krieges hatten wir in Jokneam enge Beziehungen und Freundschaften zu unseren Gastgebern und anderen Personen aufgebaut. Bei mir jedenfalls war die Enttäuschung groß, dass keiner dieser Namen auf der Namensliste für den Gegenbesuch 1974 auftauchte. Jokneam stellte sich den Kontakt zu Wiehl erst einmal als einen Austausch von Sportdelegationen vor und schickte als erstes die komplette Fußballmannschaft zu uns.

Noch etwas Unglaubliches zum Schluss: Wir haben für unsere Reise so viele Zuschüsse bekommen, dass wir selbst nur 180 DM aufbringen mussten. Doch weil wir vorzeitig unseren Aufenthalt abzubrechen hatten, bekam jeder noch 20 DM zurückerstattet.